Satiren · Essays · Gelegentliche ZweifelEin Blog von Uwe Schumacher
Kontrolliertes Entgleisen
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Kontrolliertes Entgleisen

Der Sinn des Lebens –

und andere schulische Probleme.

Irgendwann erreicht man ein Alter, in dem man nicht mehr jede Frage nach dem eigenen Leben mit „mal sehen“ beantworten kann. Ein gewisser Teil der Veranstaltung hat schließlich bereits stattgefunden. Irgendwann liegt genug Material vor, um sich zu fragen, ob die ganze Veranstaltung außer ihrem laufenden Betrieb eigentlich noch irgendeinen übergeordneten Zweck hat.

Damit wäre man beim Sinn des Lebens. Philosophen, Theologen und andere berufsmäßig Nachdenkliche beschäftigen sich damit seit Jahrtausenden. Gemessen am Personal- und Zeitaufwand ist das Ergebnis eher überschaubar. Und selbst wenn morgen jemand käme und den Sinn des Lebens zweifelsfrei, wasserdicht und mit Quellenangabe klären würde, dürfte sich die praktische Wirkung in Grenzen halten. Ein großer Teil der Menschheit würde die Meldung zur Kenntnis nehmen und anschließend ziemlich genau so weitermachen wie bisher. Möglicherweise wird der Sinn des Lebens ohnehin gelegentlich mit dessen Unterhaltungswert verwechselt.

Ich bin deshalb etwas pragmatischer. Mich würde fürs Erste schon interessieren, wie man möglichst vernünftig durch dieses Leben kommt. Ausbildung, Beruf, Geld, Beziehungen, Kinder und sonstige Störfälle sorgen schließlich zuverlässig dafür, dass die Sinnfrage bei der praktischen Abwicklung nicht ständig im Weg steht. Wobei mir auffällt, dass ich mich mit zwanzig hätte darum kümmern sollen. Man hätte ein Trainingsprogramm zusammenstellen können, statt sich erst nach einem erheblichen Teil der Veranstaltung für dessen Zweck zu interessieren. Andererseits war selbst zwanzig offenbar schon reichlich spät. Einige Programme liefen längst im Hintergrund und hatten sich Administratorenrechte gesichert.

Unsere Grundausstattung ist nämlich eher zweckmäßig als edel. Wir starten nicht als fertige kleine Staatsbürger mit Empathie und ausgeprägter Frustrationstoleranz. Die ersten Programme lauten ungefähr: „Ich zuerst“, „sofort“ und „geht das auch ohne Anstrengung?“. Das funktioniert für ein Kleinkind hervorragend und hat bei manchen den zusätzlichen Vorteil bemerkenswerter Langzeitstabilität. Dazu kommt der Mensch als geborener Ökonom: maximaler Ertrag bei überschaubarem Aufwand. Erziehung ist insofern ein beachtlicher Eingriff in die Werkseinstellungen. Einem kleinen Menschen muss beigebracht werden, dass seine Bedürfnisse zwar wichtig sind, aber überraschenderweise nicht die Geschäftsgrundlage der gesamten Weltordnung bilden.

Solche Eingriffe sollte man vermutlich früh vornehmen. Allerdings wäre es wenig aussichtsreich gewesen, einem Zwölfjährigen ein langfristiges Programm zur Entwicklung seiner Konfliktfähigkeit und Frustrationstoleranz vorzuschlagen. Zumindest hätte ich mich damals entschieden dagegen gewehrt. Das Angenehme an der Sache ist, dass meine Zustimmung offenbar nicht erforderlich war. Das Training fand längst statt. Ich hielt es nur für Schule.

Und dort wartet eine Überraschung, mit der ich nach einigen Jahrzehnten nicht mehr gerechnet hätte: Die ganze Veranstaltung hat offiziell tatsächlich einen ziemlich vernünftigen Sinn. Schule soll junge Menschen nicht nur mit Mathematik, Deutsch und dem menschlichen Verdauungstrakt bekannt machen, sondern sie auf ihr späteres privates, berufliches und gesellschaftliches Leben vorbereiten. Selbstständigkeit, Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein, Leistungsbereitschaft und der Umgang mit Konflikten gehören zum Gesamtpaket. Man muss sich das einmal vorstellen: Hinter all den Klassenarbeiten verbarg sich die ganze Zeit ein Konzept.

Der Staat hat sogar ziemlich genau beschrieben, welcher Mensch am Ende herauskommen soll. Ein erfreuliches Exemplar, selbstständig, verantwortungsbewusst und sozial verträglich. Für die Umsetzung hat man Lehrpläne, Stundentafeln, Prüfungsordnungen und Notenschlüssel entwickelt. Das funktioniert besonders gut bei Dingen, die man auch abfragen kann. Im Abitur wird beispielsweise geprüft, ob ein Schüler integrieren kann. Ob er inzwischen selbst einigermaßen in die Gesellschaft integrierbar ist, bleibt dagegen weitgehend offen.

Für Persönlichkeitsbildung gibt es eher eine Absichtserklärung. Früher versuchte man wenigstens, Teile des richtigen Lebens mit Betragen, Fleiß und Ordnung auf dem Zeugnis zu vermessen. Damit hatte auch die Persönlichkeit endlich ein Formular. Ob ein Mensch gelernt hat, mit Ungerechtigkeit umzugehen, lässt sich dagegen nur schwer in eine Spalte eintragen. Es wäre auch unangenehm, die dafür benötigte Ungerechtigkeit eigens in den Lehrplan aufzunehmen. Der Bildungsauftrag verspricht also den ganzen Menschen. Der Stundenplan übernimmt den messbaren Teil. Für den Rest gibt es das Biotop Schule.

Und dieses Biotop erweist sich rückblickend als erstaunlich leistungsfähig. Die sogenannten weichen Fähigkeiten wurden dort offenbar nach einem besonders modernen didaktischen Konzept vermittelt: Niemand wusste, dass Unterricht stattfand. Herr Müller übernimmt die Ungerechtigkeit, Herr Meier die Langeweile und Frau Schulze steuert die Inkompetenz bei. Die Mitschüler kümmern sich um Konkurrenz, Ausgrenzung und Mobbing, und die Schulleitung stellt durch institutionelle Nichtwahrnehmung sicher, dass auch Ignoranz nicht zu kurz kommt.

Das Schulbiotop produziert zuverlässig Situationen, für die im Stundenplan kein Platz vorgesehen ist. Man muss mit Menschen auskommen, die man sich nicht ausgesucht hat, und mit Entscheidungen leben, an denen man nicht beteiligt war. Manchmal stellt sich heraus, dass der andere recht hat. Gelegentlich steht sogar Herr Müller auf der richtigen Seite. Damit wäre dann ein besonders schwieriges Lernziel erreicht.

Schwierig wird es erst, wenn die unbeabsichtigte Persönlichkeitsbildung auffällt. Dann wird aus dem Erfahrungsraum ein Störfall. Streit muss geschlichtet, Mobbing unterbunden, eine Prügelei beendet werden. Konfliktfähigkeit ist schließlich Bildungsziel; Konflikte selbst waren damit nicht gemeint. Persönlichkeitsbildung ist ausdrücklich erwünscht, solange sie den Unterricht nicht unnötig aufhält.

Das hat auch seine bürokratische Logik. Eine Unterrichtsstörung lässt sich feststellen, dokumentieren und abstellen. Die Frage, was die Beteiligten aus ihr fürs weitere Leben mitnehmen, passt schlechter auf den Vordruck. So wird der Konflikt beendet, und der innere Reifungsprozess darf sich anschließend gern privat organisieren. Für die nächste Klassenarbeit sind dann wieder alle rechtzeitig einsatzbereit.

Man muss jungen Menschen nicht eigens zusätzliche Steine in den Weg legen. Das Leben verfügt schließlich über einen eigenen Steinbruch und liefert zuverlässig frei Haus. Man könnte nur gelegentlich darauf verzichten, jeden Brocken wegzuräumen, bevor überhaupt jemand merkt, dass da einer lag. Sonst entsteht bis zum Schulabschluss ein ausgesprochen gepflegter Weg, der leider unmittelbar dahinter überraschend ins Gelände übergeht.

Damit wäre der Sinn des Lebens noch immer nicht geklärt. Gemessen an einigen tausend Jahren professioneller Vorarbeit war das von diesem Beitrag allerdings auch nicht ernsthaft zu erwarten. Immerhin weiß ich inzwischen, dass mein mit zwanzig geplantes Trainingsprogramm ein paar Jahre zu spät gekommen wäre. Es hatte bereits begonnen, ohne dass ich es bestellt, geschweige denn als solches erkannt hätte.

Für den laufenden Durchgang ist diese Erkenntnis zeitlich etwas unbefriedigend. Sollte wider Erwarten noch ein weiterer vorgesehen sein, wäre ich diesmal wenigstens vorbereitet.

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