Satiren · Essays · Gelegentliche ZweifelEin Blog von Uwe Schumacher
Kontrolliertes Entgleisen
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Kontrolliertes Entgleisen

Weltpremiere

Die Superlativierung der Welt

Ich erinnere mich, dass ein Privatsender vor einigen Jahren eine Sendung als „Weltpremiere“ ankündigte. Welcher Sender es war und um welche Sendung es ging, weiß ich nicht mehr. Für ein Ereignis von planetarischer Tragweite ist die Aktenlage in meinem Gedächtnis damit bedauerlich dünn.

Der Begriff selbst war allerdings nicht falsch. Die Sendung wurde tatsächlich zum ersten Mal auf dieser Welt gezeigt. „Weltpremiere“ klang nur, als hätte die internationale Gemeinschaft ihre Abendplanung darauf abgestimmt und als sei in Zentralafrika vorsorglich noch einmal der Empfang überprüft worden. Tatsächlich richtete sich das Ereignis vermutlich an deutschsprachige Haushalte, die den betreffenden Sender empfangen konnten und an diesem Abend nichts anderes vorhatten.

Strafverschärfend kam hinzu, dass mir die Weltpremiere danach nicht noch einmal begegnet ist. Vielleicht hatte man beim Sender am nächsten Morgen selbst die Lächerlichkeit erkannt. Vielleicht wurde der Begriff weiterhin verwendet und ich war lediglich nicht in der Lage, sämtliche Programmankündigungen des Planeten zu überwachen. Für redaktionelle Selbstkritik fehlen mir die Beweise, für meine eigene Unaufmerksamkeit nicht. Fest steht nur: Die Sendung selbst hat ihre Weltpremiere in meinem Gedächtnis nicht überlebt. Das Etikett hingegen sitzt dort noch heute und wartet auf ein Ereignis, das seine Größe rechtfertigt.

Lange hielt ich die Ankündigung für eine Übertreibung. Inzwischen glaube ich, dass ich das Verfahren unterschätzt habe. Der Sender hatte nicht übertrieben, sondern lediglich die übliche Reihenfolge verbessert. Normalerweise muss ein Ereignis zunächst stattfinden und anschließend darauf warten, ob es jemand für bedeutend hält. Das ist langwierig, unsicher und endet nicht selten damit, dass inzwischen etwas anderes passiert ist. Bei der Weltpremiere stand die Bedeutung dagegen schon vor Beginn der Sendung fest. Die Wirklichkeit musste nur noch eine passende Leistung nachreichen.

Nachdem ich das erkannt hatte, erschien mir das Verfahren auch für den privaten Gebrauch geeignet. Warum sollte die vorzeitige Zuteilung von Bedeutung ausschließlich Fernsehsendern vorbehalten bleiben? Auch ich hatte bis dahin den klassischen Anfängerfehler begangen, zunächst etwas zu schreiben und anschließend zu hoffen, dass sich daraus irgendwann eine gewisse Anerkennung ergibt. Dieses Vorgehen war langsam und angesichts meines fortschreitenden Alters organisatorisch nicht unbegrenzt fortsetzbar.

Bevor ich meine eigene Bedeutung neu festlegte, prüfte ich, ob das Verfahren gesellschaftlich bereits hinreichend erprobt war. Beim Fußball kann ein neunzehnjähriger Spieler nach einigen überzeugenden Auftritten an der Wahl zum größten Spieler aller Zeiten teilnehmen. Seine weitere Karriere erhält anschließend Gelegenheit, zur bereits veröffentlichten Schlussbetrachtung aufzuschließen. Auch DSDS hatte wichtige Vorarbeiten geleistet. Dort wird der Superstar nicht erst nach dem Wettbewerb entdeckt. Die entsprechende Stelle ist bereits im Titel der Sendung eingerichtet. Die Kandidaten bewerben sich lediglich um ihre Besetzung. Bei den Gebrüdern Grimm hieß es noch: „Es war einmal.“ Bei DSDS heißt es: „Es wird einmal.“

Die Rechtslage erschien mir damit ausreichend gefestigt. Ich konnte mich meiner eigenen literarischen Bedeutung zuwenden. Meine Ausgangslage war günstig, weil sie nahezu unbeschrieben war. Ich verfügte über keinen Verlag, keine literarischen Auszeichnungen, keine Übersetzungen und einen Bekanntheitsgrad, bei dem besondere Sicherheitsvorkehrungen für öffentliche Auftritte bislang nicht erforderlich gewesen waren. Bei oberflächlicher Betrachtung hätte man darin gewisse Defizite erkennen können. Das lag jedoch ausschließlich an der Wortwahl.

Kein Verlag bedeutete, dass ich unabhängig von wirtschaftlichen Interessen und redaktioneller Einflussnahme schrieb. Meine überschaubare Leserschaft erwies sich bei genauerer Betrachtung als ausgewählter Kreis. Das Fehlen fremdsprachiger Ausgaben belegte ein nahezu vollständig unausgeschöpftes internationales Übersetzungspotenzial. Ich hatte nichts hinzuerfunden. Ich hatte lediglich aufgehört, meine Karriere unnötig negativ zu formulieren.

Besonders ergiebig war mein geringer Bekanntheitsgrad. „Unbekannt“ beschreibt einen Zustand, der leicht den Eindruck erweckt, der Autor selbst könne daran beteiligt sein. „Unentdeckt“ verlagert die Zuständigkeit wesentlich eleganter auf die anderen. Ich war daher nicht länger ein unbekannter Blogschreiber, sondern ein international noch weitgehend unentdeckter Essayist.

Auch das Fehlen literarischer Auszeichnungen ließ sich mit geringem sprachlichem Aufwand beheben. Ich war nicht „nicht ausgezeichnet“, sondern „noch nicht ausgezeichnet“. Das kleine Wort verwandelte ein möglicherweise abschließendes Urteil in einen vorübergehenden Bearbeitungsstand. Der Literaturnobelpreis war damit nicht mehr ausgeblieben. Er stand noch aus.

Vom international unentdeckten Essayisten zum nobelpreisverdächtigen Autor war es anschließend nur noch ein kleiner redaktioneller Schritt. Ich musste dafür keinen weiteren Text schreiben. Ein herkömmlicher beruflicher Aufstieg hätte deutlich mehr Arbeit verursacht und vermutlich schlechter geklungen.

Es fehlte nur noch ein Werk, an dem sich meine neue Bedeutung zeigen konnte. Ich entschied mich für diesen Beitrag. „Neuer Blogtext“ erschien mir dafür unangemessen zurückhaltend. Schließlich war er in dieser Form noch nie irgendwo veröffentlicht worden. Es handelte sich somit zweifelsfrei um die literarische Weltpremiere eines international noch weitgehend unentdeckten, nobelpreisverdächtigen Essayisten.

Ob der Beitrag dieser Ankündigung gerecht wird, kann später geprüft werden. Seine Bedeutung habe ich vor dem Schreiben ordnungsgemäß festgestellt. Die Welt muss davon nichts wissen. Sie wird für das Verfahren nur als Maßeinheit benötigt.

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