Satiren · Essays · Gelegentliche ZweifelEin Blog von Uwe Schumacher
Kontrolliertes Entgleisen
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Kontrolliertes Entgleisen

Höhere Intelligenz

Außerirdisch betrachtet gibt das Sinn

Bei meiner Fußpflegerin Chantal lese ich gewöhnlich die Nachrichten auf dem Handy. Wir ergänzen uns dabei recht gut: Sie hält mich gehfähig, ich halte mich für informiert. Als ich bei den Erläuterungen zu den Berliner Koalitionsverhandlungen das Gesicht verzog, fragte sie besorgt, ob es wehtue. Ich zeigte ihr den Bildschirm und erklärte, dass ich zwar jedes einzelne Wort verstünde, aber nicht, was man damit bezwecke. Sie setzte die Fräse beruhigt wieder an. „Das haben bestimmt Außerirdische geschrieben.“

Wie sie darauf komme, fragte ich mit der gebotenen Nachsicht. Sie habe neulich solche Grünen am Fenster der Linken-Parteizentrale gesehen, als sie dort eine Kollegin abholte. Ich revanchierte mich für die professionelle Druckentlastung mit einer kleinen politischen Einordnung: Besuche anderer Parteien seien im Rahmen von Sondierungen üblich; vermutlich habe sie schlicht Vertreter der Grünen gesehen. „Und woran genau haben Sie die Parteizugehörigkeit festgemacht?“, hakte ich nach. „Na, die hatten doch alle grüne Köpfe.“ Wir lachten beide.

Einige Tage später sah ich eine Dokumentation über interstellare Raumfahrt und die Wahrscheinlichkeit, dass höher entwickelte Zivilisationen die Erde bereits infiltriert haben. Dabei fiel mir Chantal wieder ein. Bis dahin war ich selbstverständlich davon ausgegangen, dass wir beide über die Außerirdischen gelacht hatten. Nun erschien mir ihre Bemerkung als erstaunlich brauchbare Erklärung für meine Schwierigkeiten mit den Koalitionspapieren. Vielleicht waren die Papiere im Original auf Klingonisch verfasst. Die Vokabeln hatte man zwar schon ins Deutsche übersetzt; bei der Syntax wartete man offenbar noch auf Richtlinien aus dem Alpha-Quadranten.

Ich wollte mich allerdings nicht allein auf meine Intuition und Chantals Beobachtung verlassen. Ein so eindeutiges Ergebnis verdiente schließlich eine sorgfältige Untersuchung. Ich begann, verdächtige Passagen in den Koalitionspapieren anzustreichen, und war überrascht, wie wenig Papier weiß blieb. Jahrelang hatte ich von „Experimentierklauseln“, „Modellregionen“ und „Transformationslaboren“ gelesen, ohne den Versuchscharakter meiner Existenz angemessen zu würdigen. Ich war kein Bürger; ich war Proband. Dass man auf meine informierte Einwilligung verzichtet hatte, war methodisch zwingend: Freiwillige neigen dazu, ein Experiment bei den ersten spürbaren Verschlechterungen abzubrechen. Meine Beschwerden besaßen somit einen messbaren wissenschaftlichen Wert. Ihnen abzuhelfen hätte die Versuchsreihe ruiniert, gerade als die Schmerzreaktion statistische Signifikanz erreichte.

Auch die angekündigten Entlastungspakete ordneten sich nun nahtlos ein. Dass man für jede Erleichterung zunächst mehr bezahlen musste, war kein Rechenfehler, sondern ein brillanter Versuchsaufbau. Untersucht wurde offensichtlich die Elastizität der Masse: Wie hoch darf eine Abgabenerhöhung ausfallen, wenn man auf den Bescheid das Wort „Zuschuss“ druckt? Wer sich noch empörte, galt als verwertbare Kontrollgruppe. Wissenschaftlich weit ergiebiger waren jedoch jene Probanden, die sich für die Entlastung öffentlich bedankten und lediglich höflich anmerkten, dass ihnen am Monatsende dennoch weniger Geld für Grundnahrungsmittel verblieb. Eine derart saubere Entkopplung von Reiz und Wahrnehmung zerstört kein seriöser Forscher durch vorzeitige Reallohnsteigerungen.

Natürlich wirkte vieles unlogisch. Doch ich musste berücksichtigen, dass ich zur untersuchten Spezies gehörte, nicht zur Projektleitung. Wer Lichtjahre überbrückt, kalkuliert nicht in Quartalsberichten. Meine Ungeduld entsprang dem trivialen Umstand, dass meine persönliche Restlaufzeit für die avisierten Verbesserungen vermutlich nicht mehr ganz ausreichte. Diesen biologischen Engpass durfte ich nicht zum Maßstab galaktischer Zeitfenster machen. Ein Pilotprojekt gilt schließlich nicht als gescheitert, nur weil die Versuchstiere die Evaluation nicht mehr erleben.

Auch die Lebensläufe des Spitzenpersonals fügten sich plötzlich harmonisch in die Theorie. Fehlende Berufsabschlüsse und chronische Berührungsängste mit der Praxis, die ich bisher für Defizite gehalten hatte, erschienen in neuem Glanz: Ein im irdischen System nicht nachweisbares Diplom spricht nicht gegen eine Qualifikation – es belegt lediglich, dass der Campus auf einem anderen Himmelskörper lag. Bei einem Freilandversuch muss das Laborpersonal schließlich nicht selbst unter den Versuchsbedingungen leben. Dafür hatte man ja uns.

Selbst die zyklische Wiederholung gescheiterter Reformen verriet nun puren Forschergeist. Früher fragte ich mich, warum man ein wirkungsloses Instrument nach drei Jahren wieder einführte. Heute verneige ich mich vor der Beharrlichkeit: Ein wissenschaftliches Ergebnis muss reproduzierbar sein. Eine verlässlich eintretende Verschlechterung liefert schließlich stabilere Messwerte als ein zufälliger Erfolg. Dass man die Vorhaben bei jedem Durchlauf umbenannte, diente lediglich der methodischen Hygiene – es verhinderte, dass Lernprozesse im Gehege die Datenerhebung störten.

Als ich gestern die Formulierung von den „partizipativ flankierten Konsolidierungspfaden im vernetzten Raum“ las, nickte ich nur noch anerkennend. Ich hatte den Fehler gemacht zu glauben, der Satz richte sich an mich. Dabei handelte es sich vermutlich bloß um ein internes Laborprotokoll, das versehentlich in die Pressestelle geraten war.

Bei Chantal bin ich inzwischen nicht mehr sicher, ob sie mich hatte warnen oder lediglich meine Reaktion überprüfen wollen. Auf der Rechnung stand jedenfalls nur Fußpflege.

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